
Drupal4Gov EU 2026: Drupal im Einsatz bei europäischen Institutionen und nationalen Regierungen
Letzte Woche fand am 29. Jänner die Drupal4Gov EU Konferenz statt, während der EU Open Source Week in Brüssel, mitten im Europaviertel im BREYDEL-Gebäude der Europäischen Kommission. Die Veranstaltung wurde von der Drupal Community of Practice @ EC and EUIBAs gehostet und von Frederik Wouters gemeinsam mit Drupal Belgium und Drupal France organisiert. Sie brachte Entscheidungsträger, Digital-Verantwortliche und Technologen aus dem gesamten europäischen öffentlichen Sektor zusammen. Ich war froh, an der Veranstaltung teilnehmen zu können und mich den ganzen Tag über mit vielen Teilnehmenden auszutauschen.
Die Keynote von Sachiko Muto, Vorsitzende von OpenForum Europe, Senior Researcher bei RISE und Mitglied des Drupal Association Board, setzte den perfekten Rahmen. Sie plädierte dafür, Beiträge des öffentlichen Sektors zu Open Source zu stärken, mit einer einprägsamen These: Es gibt heute zwei Arten von Organisationen – jene, die wissen, dass sie von Open Source abhängig sind, und jene, die es noch nicht wissen. Da digitale Souveränität mittlerweile auf höchster europäischer Ebene strategische Priorität genießt, war die Dynamik für Open Source im öffentlichen Sektor noch nie so stark wie jetzt.
Europäische Kommission: Drupal as a Service für 770 Websites
Sandro D'Orazio und Massimiliano Molinari von der Europäischen Kommission präsentierten ihre Europa Web Publishing Platform (EWPP). Die Zahlen sind beeindruckend: 770 Live-Websites, 700 Millionen Besuche pro Jahr und 2,2 Milliarden Seitenaufrufe, betrieben von 44 verschiedenen Dienststellen der Kommission. Die Kommission stellte ab 2019 parallel zur Migration auf Drupal 8 auf ein Drupal-„as a Service"-Modell um, da die individuelle Anpassung der Codebasis durch einzelne Generaldirektionen (GDs) das Einspielen von Sicherheitspatches, das Testen neuer Releases und ein einheitliches Nutzererlebnis zunehmend erschwerte. Der Übergang dauerte vier Jahre und umfasste die Analyse von 160 Websites sowie über 500 Stakeholder-Meetings.
Die Lessons Learned überzeugten: einen Bottom-up-Ansatz wählen und Kompromisse finden, unterwegs eine Stakeholder-Community aufbauen, iterativ arbeiten, viel kommunizieren und den Aufwand für die Content-Migration nicht unterschätzen. Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Plattform bietet heute eine einheitliche visuelle Identität durch die Europa Component Library (ECL), nahtloses Deployment („test once, deploy everywhere"), siteübergreifendes Content-Sharing mit einer Corporate Taxonomy, fortgeschrittene Mehrsprachigkeit und integrierte thematische Analyse über den gesamten Webauftritt. Alles auf Basis von Drupal – beeindruckend!
Als jemand, der an mossbo, unserem Decoupled Drupal-SAAS, arbeitet, fand ich das besonders interessant. Wir verfolgen einen ähnlichen Plattform-Ansatz, aber bei mossbo kann das Datenmodell pro Website variieren und jede Website kann eigene Frontend-Komponenten beisteuern. Ein pragmatischer Ansatz, der mehr Flexibilität bietet und gleichzeitig die Vorteile einer standardisierten Lösung nutzt.




Drupal Case Studies aus ganz Europa
Über die Europäische Kommission hinaus war der Tag vollgepackt mit beeindruckenden Case Studies, die die Breite der Drupal-Nutzung in europäischen Institutionen und nationalen Regierungen zeigten. Bei der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) wird das Sustainability Portal auf Basis von Drupal betrieben. Das Portal ist eine komplexe regulatorische Compliance-Plattform für über 350 Fluggesellschaften und 31 nationale Behörden im Rahmen der EU-Verordnung ReFuelEU Aviation und des EU Flight Emissions Label. Bemerkenswert: Die EASA hat ihren gesamten digitalen Stack auf Open Source aufgebaut, mit Drupal im Zentrum, ergänzt durch Matomo für Analytics und Mautic für E-Mail-Marketing.
Der niederländische IT-Dienstleister DICTU präsentierte GovNL CMS für die niederländische Regierung. Diese komponentenbasierte Drupal-Plattform reduziert die Bereitstellungszeit für Regierungswebsites von drei Monaten auf zehn Minuten – durch wiederverwendbare Design Tokens, Drupal Recipes und automatisierte Infrastruktur. Das Projekt gewann den 2025 Drupal Splash Award in der Kategorie Government und ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Regierungen die Website-Bereitstellung optimieren können.
Aus Frankreich präsentierte ecedi ein weiteres großes Drupal-Deployment: mehr als 60 Websites und über 20 partizipative Plattformen, basierend auf Dialoguons, ihrer Drupal-basierten Plattform für Bürgerbeteiligung. Die Arbeit wurde für das französische Ministerium für den ökologischen Wandel geleistet und beinhaltet ein wiederverwendbares Starterkit, das das französische State Design System (DSFR) implementiert. Ebenfalls aus Frankreich zeigte die Interministerielle Direktion für die Transformation des öffentlichen Dienstes (DITP), wie ihre Services Publics+ Plattform KI direkt in Drupal integriert, um Bürgerfeedback im großen Maßstab zu analysieren, mit KI-gestützter Trendanalyse über 140.000+ Bürgererfahrungen.
Das Thema KI setzte sich fort mit einer beeindruckenden Session der Schweizer Agentur Liip, bei der es schön war, den ehemaligen drunomics-Kollegen Josef Kruckenberg präsentieren zu sehen. Er präsentierte LiipGPT, die KI-gestützte Lösung von Liip, die bereits beim Kanton Basel-Stadt im Einsatz ist. Besonders beeindruckend war ihr rigoroser Qualitätsansatz: Jeder KI-generierte Satz wird anhand der Quelldaten auf Korrektheit überprüft, mit klaren Metriken zur Genauigkeit. Ihre Editor-Integration zeigte zudem durchdachtes UX-Design für KI-unterstützte Content-Workflows. Weiters präsentierte der Europäische Datenschutzbeauftragte (EDPS) den Website Evidence Collector (WEC). Das Open-Source-CLI-Tool scannt Websites automatisch auf Datenschutzprobleme wie Third-Party-Cookies, Tracking-Beacons und unsichere Datenübertragungen.
LocalGov Drupal: Eine kollaborative Plattform für Gemeinden
Einer der spannendsten Vorträge kam von Mark Conroy (markconroy) und Greg Harvey (greg.harvey), die LocalGov Drupal vorstellten – eine Open-Source-Drupal-Distribution für die Kommunalverwaltung, die kollaborativ in Großbritannien und Irland entwickelt wird. Mit über 58 Gemeinden, die die Plattform bereits einsetzen, hat das Projekt deutlich an Fahrt gewonnen. Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Jede Gemeinde-Website braucht die gleichen Bausteine (News, Events, Service-Seiten, Verzeichnisse, Schritt-für-Schritt-Anleitungen). Warum sollte also jede Gemeinde diese von Grund auf neu bauen? Stattdessen bündeln die Gemeinden ihre Entwicklungsbudgets und teilen eine gemeinsame Drupal-Codebasis, wobei jedes neue Feature für alle zurückgegeben wird.
Die Ergebnisse sind beeindruckend: typische Kosteneinsparungen von 50–80 % im Vergleich zum Bau einer individuellen Gemeinde-Website. Das Projekt wird von einer Open Digital Cooperative geleitet, die langfristige Nachhaltigkeit und Eigenverantwortung der Gemeinden sicherstellt. Die Distribution baut auf bewährten UX-Patterns auf, erfüllt die WCAG 2.1 AA Barrierefreiheitsstandards out of the box und beinhaltet eine Microsites-Plattform zur Verwaltung mehrerer kleinerer Websites aus einer einzigen Codebasis. Was LocalGov Drupal besonders interessant macht, ist das kollaborative Modell dahinter: Es geht nicht nur um geteilten Code, sondern um geteilte Studien, Nutzertests und Expertise über einen gesamten Sektor hinweg. Die Session konzentrierte sich darauf, wie dieses Modell auf weitere europäische Länder ausgeweitet werden kann. Eine LocalGov France Adaption ist bereits verfügbar, und weitere Länder und Sprachen können einfach hinzugefügt werden. Die „Build once, reuse often"-Philosophie passt stark zu dem, was wir auch bei Projekten wie GovNL CMS sehen, und ich bin überzeugt, dass dieses Modell auch in anderen Ländern sehr gut funktionieren könnte.
Digitale Souveränität: Mit Hilfe von Open Source!
Der Drupal4Gov EU-Tag 2026 hat eines klar gemacht: Die Tools, die Community und die Expertise sind bereit. Europäische Regierungen nutzen Open Source nicht nur – sie bauen damit echte digitale Souveränität auf, ein Projekt nach dem anderen. Und die Dringlichkeit ist real: Regierungen, die an proprietäre Anbieter gebunden sind, kritische Infrastruktur, die aus der Ferne abgeschaltet werden kann, und ein EU-US Data Privacy Framework, das auf einer US Executive Order basiert, die jederzeit widerrufen werden könnte. Open Source bietet einen interessanten Ansatz für Souveränität: Statt Abschottung fördert es Unabhängigkeit und Zusammenarbeit gleichzeitig.
Der abschließende Vortrag von Tiffany Farriss, Board of Directors der Drupal Association, brachte es auf den Punkt: Die meisten Organisationen nutzen Open Source, aber nur wenige schöpfen das Potenzial wirklich aus. Der Unterschied liegt nicht in den Tools, sondern im Mindset. Und das beginnt bereits bei der Ausschreibung! Sie schlug konkrete Maßnahmen vor, um in der Open-Source-Beschaffung die Macher ("Maker") von den Trittbrettfahrern ("Taker") und Blendern ("Faker") zu unterscheiden: einen „Sovereign Score" mit 20 % der Ausschreibungspunkte, einen festen Prozentsatz des Auftragswerts für Open-Source-Projektwartung, sowie eine 30-Tage-Upstream-Regel, die vorschreibt, dass nicht-sensibler Code innerhalb von 30 Tagen an die Community zurückgegeben werden muss. Das sind praktische, umsetzbare Ideen, die sicherstellen würden, dass die Open-Source-Projekte, von denen Regierungen abhängen, gesund und nachhaltig weiterentwickelt werden.
Mit den parallel bereits laufenden EU-Politikdiskussionen zur Verbesserung der Open-Source-Beschaffung und Nachhaltigkeit rückt der Wandel von schrittweiser Adoption zu wirklich transformativen Ergebnissen und digitaler Souveränität näher denn je. Und wie dieser Tag in Brüssel gezeigt hat, spielt Drupal dabei bereits eine zentrale Rolle!





